Schamanisch fühlen

Immer mehr Menschen interessieren sich für Schamanisches, und immer mehr Heilpraktiker, Ärzte und geistige Heiler bezeichnen sich als Schamanen oder schamanisch Praktizierende. Teils haben sie von weit entfernten Kulturen gelernt und sind dort initiiert worden, teils haben sie sich ureuropäischen Traditionen zugewandt, sie wiederbelebt und wenden sie in ihrem eigenen Alltag an, im Freundeskreis und bei ihren Klienten. 

Warum tun sie das? Weil unsere Kultur eine metropolen­orientierte, der Natur und ihren Rhythmen entfremdete geworden ist. Weil immer mehr Menschen unserer entseelten Medizin misstrauen. Weil die Religionen der aggressiven Hochkulturen, die einst die Welt unter sich aufteilten, uns keine Heimat mehr bieten, vom wissenschaftlichen Weltbild überholt sind sie sowieso schon längst. Und weil der heutige umweltbewusst – besser »mitwelt«-bewusst – lebende Mensch gewissermaßen schamanisch fühlt.

 

Glückliche »edle Wilde«?

Der Weg zurück zur Natur und zu einer Lebensweise, die vielleicht einmal schön und harmonisch war, oder uns heute wenigstens so scheint (meist war das Leben damals eher hart), ist aber nicht so leicht. Die sogenannten Naturvölker lebten nicht immer in Harmonie mit der Natur (Beispiel: die Osterinseln) und auch nicht untereinander, und sie entsprechen auch heute in vielem nicht unseren Idealen. Die Idee des »edlen Wilden« lässt sich angesichts unserer heutigen Kenntnisse nicht aufrechterhalten. Und doch hat es was, zu den Wurzeln unserer Religionen und der diversen Medizinkulturen zurückzukehren, die ja alle im Schamanischen liegen. Man sollte nicht alles übernehmen, was man dort findet, meine ich, aber ein Blick dorthin lohnt auf jeden Fall!

 

Unsere Gespaltenheit

Was macht nun ein heutiger Städter mit Facebookprofil, PKW und mobilem Endgerät mit alledem? Ab und an mal eine zweiwöchige Reise zu den Burjaten in Sibirien oder einem Ayahuasca-Retreat im Regenwald des Amazonas, dann wieder zurück an die Arbeit, Montag früh um neun geht’s los, in der Kaffee­pause kann man dann von den Erfahrungen erzählen? Tiefer Suchenden ist das nicht genug. Zum einen, weil die Fernreisen ja gerade unserer angeblichen Liebe zur Natur widersprechen: Kaum etwas verschiebt die ökologischen Konsequenzen unserer Lebensweise so sehr ins Negative wie Fernflüge. 

Zum anderen, weil die Gespaltenheit unserer Lebensweise dabei ja bleibt: Hier das Weitermachen mit einer Seelen und Natur zerstörenden Lebensweise, dort das kurze Aufatmen, das den Burnout vielleicht um ein paar Jahre hinausschieben kann und der geliebten dortigen Kultur zwar ein bisschen Anerkennung verleiht, aber nicht mal den Löwenanteil des für diesen Urlaub ausgegebenen Geldes lässt. Ist nicht wirklich befriedigend.


Die Natur als Lebewesen

Unsere Heftreihe Connection Schamanische Wege, darunter insbesondere unsere Ausgabe Nr. 12 mit den Schamanenportraits stellt Menschen vor, die auf tiefere Weise suchen. Nicht alle von ihnen verstehen sich als Schamanen, vor allem weil sie wissen, dass die traditionelle schamanische Einweihung viel mehr beinhaltet, als ein heute in Mitteleuropa lebender Mensch normalerweise auf sich nehmen kann. Aus Gründen der Einfachheit haben wir diese Seite trotzdem mit »Schamanenportraits« überschrieben, denn alle der hier Präsentierten verstehen sich als ›schamanisch Tätige‹ und im Weltbild des Schamanismus Beheimatete. Vieles von dem Erstrebten und Ersehnten mögen sie schon gefunden haben, manches vielleicht noch nicht, aber sie sind bereit, ihren 9-to-5-Job infrage zu stellen (oder haben ihn längst aufgegeben), weil die Seele mehr sucht als nur ein bisschen Erholung und das Bestaunen fremder oder längst vergangener Kulturen. Auch unsere eigene europäische Kultur hat schamanische Wurzeln, und wenn wir den Bezug zur Natur und die ökologische Wende hier, in dieser heutigen Kultur, nicht sehr bald finden, dann wird unser ganzes Wirtschaftssystem kollabieren, zusammen mit all den Annehmlichkeiten, die es uns jetzt noch bietet. 

Auch deshalb sind die schamanischen Wege einen Blick wert – nicht nur, weil sie Heilung bieten können und Sinn, sondern auch, weil sie die uns umgebende Natur als ein Lebewesen verstehen, das einen eigenen Geist und eine Seele hat und deshalb nicht nur genutzt, sondern auch geschützt und verehrt zu werden verdient.


Wolf Schneider

Hrsg. der Heftreihe Connection Schamanische Wege

schneider@connection.de